Gewaltwahrnehmung?!

Als regelmäßiger Leser des Diesellogs von Thomas Reuter ist man ja einigermaßen sensibilisiert, was die um sich greifende gesellschaftliche Benachteiligung von Männern angeht. Man liest die einschlägigen Geschichten und Berichte mit Erstaunen, manchmal melden sich auch Unverständnis und Wut.

Und dann sitzt man in seiner Dienststelle in einem Konferenzraum. Ersthelferschulung. Und man hört den Schulungsleiter, einen alten Sanitäter, erzählen. Von einem Einsatz in einem Bauernhof. Ein Mann sitzt auf der Eckbank in der Küche und hält die Hände vor dem Gesicht. Blut fließt, die Nase ist gebrochen. Der Mann berichtet, er sei gestolpert. Nähere Nachfragen der Retter will er nicht beantworten. Ins Krankenhaus will er auch nicht mit. Schließlich stellt sich heraus, dass seine Frau ihn mit einer Bratpfanne ins Gesicht geschlagen hat. Die Reaktion der Sanitäter: Gelächter. Man überzeugt ihn doch, ins Krankenhaus mitzukommen. Die Reaktion des Pflegepersonals und der Ärzte dort: Gelächter.
Die Reaktion der Schulungsteilnehmer, als sie die Geschichte hören: Gelächter.

Meine Reaktion: Entsetzen. Da wird ein Mensch Opfer einer Gewalttat. Niemand kommt auf die Idee, die Polizei hinzuzuholen. Niemand kommt auf die Idee, den Mann auf die Möglichkeit einer Anzeige wegen Körperverletzung hinuweisen.

Wäre es umgekehrt gewesen, wäre wohl gemeinsam mit den Sanitätern noch eine Polizeistreife und eine Sozialarbeiterin gekommen, dem Mann hätte man einen Platzverweis und ein Kontaktverbot ausgesprochen, er hätte die Nacht in einer Zelle verbracht und eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen.

Nachdem aber ein Mann hier das Opfer war, kam gar niemand auf die Idee, dass es sich hier um eine Straftat handelt. Ist das nicht eine seltsam verzerrte Wahrnehmung, die sich da in unserer Gesellschaft breitgemacht hat?

nb: Ich weiß natürlich nicht, ob sich diese Geschichte in der Realität so zugetragen hat oder zumindest teilweise der Fantasie des Erzählers entsprang. Die Reaktion darauf im Plenum des Kurses fand ich trotzdem sehr bezeichnend für eine meiner Meinung nach grundlegend falsche Tendenz.

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Autor: UpperPalatine
Datum: Freitag, 31. Juli 2009 11:41
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4 Kommentare

  1. 1

    Besser hätte ich das auch nicht darstellen können, lieber Tobias!

    Viele Grüße -noch- aus München,
    Thomas

  2. 2

    Lieber Thomas, danke für den Kommentar. Ich wünsche Dir einen reibungslosen und streßfreien Umzug – bis demnächst im Frankenland ;-)
    Grüße
    Tobias

  3. 3

    Gewalt gegen Männer wird – wenn sie von Frauen ausgeht – anders gesehen, als gegen Frauen. Selbst unter Spezialisten. Arne Hoffmann berichtet in “Sind Frauen bessere Menschen?” von eine Expertin, die vor Fachpublikum einen Fall schilderte: Eine Frau hatte mit einem Messer (!) ein zweites Mal zugestochen, nachdem der Mann nach dem ersten Stich auf den Teppich geblutet hatte. Das Fach (!) -publikum brach spontan in Gelächter aus.

    Man schaue sich auch mal dieses Video an:
    http://www.youtube.com/watch?v=LlFAd4YdQks

  4. 4

    Dazu hat es auch einen Beitrag bei der Mädchenmanschaft gegeben. Besonders bei den Kommentaren wurde immer wieder betont, das Gewalt von Frauen gegen Männer ganz anders zu beurteilen ist – ja teilweise sogar als richtig und gewünscht angesehen. Hat sich was mit alle Gleich.

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